porträt zum thema straßenkinder

Ein Zuhause auf der Straße

Sabrina Tophofen hat als Kind auf der Domplatte in Köln gelebt

Sabrina fröstelt. Sie sitzt auf den Stufen einer Treppe im Rheinufertunnel. Es ist dunkel, dreckig, laut und kalt. Eine feuchte, alte Pappe liegt auf den Stufen, ein Schutz vor der Kälte. „Das hätte meine sein können“, sagt Sabrina, und ihre Stimme zittert. „Gut, dass ich gleich nach Hause gehen kann ins Licht.“

Sabrina Tophofen war elf Jahre alt, als ihr Leben als Straßenkind begann. Heute ist sie 28, hat fünf Kinder und lebt mit ihrem Mann in Köln. Ihre gesamte Schulausbildung hat sie nachgeholt und arbeitet als zahntechnische Assistentin. Sabrina lebt heute ein normales Leben.

Über ihr Leben auf der Domplatte hat sie nun zusammen mit der Journalistin Veronika Vattrodt ein Buch geschrieben: „So lange bin ich vogelfrei“ heißt es, und sie erzählt darin, was es heißt, wenn Straßen und Plätze das Zuhause sind und wenn Sicherheit und regelmäßige Versorgung nicht mehr da sind. Sabrina erzählt ihre eigene Geschichte. Doch sie ist eine von vielen: Denn auch heute noch leben viele Kinder auf der Straße, in Köln und auf der ganzen Welt.

Als ich Sabrina begegne, bin ich beeindruckt, wie mutig sie auf mich zukommt. Frei und offen stellt sie sich vor. Wir spazieren durch Köln, und Sabrina zeigt mir Plätze, an denen sie sich früher oft aufgehalten hat. Als wir am Treppenaufgang zur Domplatte ankommen und sie die Orte ihrer Kindheit wiedersieht, ist Sabrina anzumerken, wie traurig sie ist. „Ich bin froh, dass ich nun weiß, wo mein Zuhause ist, und dass ich nicht hier schlafen muss“, sagt sie.

Damals war es ihr sehr wichtig, kein „Penner“ zu sein – darunter versteht sie, dass man sich auf den Boden legt und schläft „und die anderen auf einen herunterblicken“. Sie hat, wenn überhaupt, immer im Sitzen geschlafen und den Kopf auf die Arme gelegt. Damals war sie elf Jahre alt. Ihr Vater hatte sie missbraucht, und sie landete mit neun Jahren im Kinderheim. Dort war sie eine der Jüngsten und konnte sich am wenigsten gegen die Übergriffe der Älteren wehren. Mit Hilfe ihrer einzigen Freundin Katrin gelang ihr dann die Flucht aus dem Heim, und ihr Leben auf der Straße begann.

Eine eigene Geldeinnahmequelle hatte sie nicht. „Damals konnte ich tagelang auf feste Nahrung verzichten“, erinnert sie sich. Sie lebte von dem, was ihre Freunde auf der Straße an Lebensmitteln mitbrachten. Manchmal hat auch eine Freundin ihr Betreuungsgeld mit ihr geteilt.

„Überall frei sein“, dachte Sabrina damals. Aber heute sagt sie: „Ich habe einen Klumpen im Hals, wenn ich daran denke, wie klein ich war, als ich hier auf der Straße herumlief und mich keiner wahrnahm.“ Wenn man sie fragt, ob sie sich heute in einer Wohnung so frei wie im Leben auf der Straße fühlt, dann meint sie: „Ich bin jetzt frei, in einem anderen Maße als in den Jahren vorher. Heute kann ich über mich selbst bestimmen. Ich kann meine Vorsätze uneingeschränkt befolgen. Heute bin ich vogelfrei mit einem Vogelnest: Mein Zuhause ist mein Nest!“

Besonders für ihre Kinder wünscht sie sich ein glückliches Leben und dass sie nicht in so schwierige Situationen geraten. Für Sabrina ist es das Wichtigste im Leben, immer für ihre fünf Kinder da zu sein, gleichgültig, ob diese sich „richtig“ oder „falsch“ verhalten: „Egal, wie schwierig es manchmal ist: Ich werde immer hinter ihnen stehen, ich werde sie nie im Stich lassen.“

Wenn Sabrina Menschen begegnet, die auf der Straße leben, fühlt sie sich traurig. Es tut ihr weh, dass nicht auch sie es geschafft haben, aus ihrer Situation herauszukommen. „Sie hatten Chancen, das sieht man ihnen an“, sagt Sabrina. „Sie hätten auch ein Zimmer bekommen können und den Weg in ein besseres Leben finden können. Aber sie haben ihre Chancen nicht genutzt.“ Den meisten Bettlern, denen wir begegnen, gibt Sabrina etwas: eine Zigarette oder ein bisschen Geld. „Ich kann schon von weitem erkennen, wer es wirklich nötig hat: wer draußen auf der Straße schläft und wer nicht“, sagt sie. Manche kennt sie flüchtig und stellt Fragen: „Ich hab dich doch schon vor einem halben Jahr hier getroffen, da hast du strahlend von deinem Jobangebot erzählt. Was ist denn daraus geworden?“ Dann gibt sie dem Obdachlosen neuen Mut und Hoffnung mit auf den Weg. Denn nicht nur Geld hilft – sondern auch das Zuhören.

Junior-Reporterin Johanna Deuster
Johanna Deuster

Junior-Reporterin Johanna Deuster

Johanna ist 14 Jahre alt und wohnt in Köln. Sie geht in die 8. Klasse. Sie trifft sich gern mit Freunden, geht gerne tanzen, liest viel und interessiert sich für Filme. Das younicef-Redaktionsteam ist sehr froh über die Unterstützung von Johanna!

extras

buchtipp

Sabrina Tophofen/Veronika Vattrodt: So lange bin ich vogelfrei: Mein Leben als Straßenkind (2010)
Mit elf Jahren bricht Sabrina aus dem Kinderheim aus und macht sich auf den Weg nach Köln. Sie landet auf der Domplatte, wo sie zum ersten Mal Geborgenheit und Schutz erfährt, aber auch Gewalt und Aggression, Drogenkonsum und Missbrauch kennenlernt. Auf einzigartige Weise dokumentiert Sabrina ihren täglichen Kampf ums Überleben und für das Recht auf Selbstbestimmtheit und Akzeptanz.