straßenkinder - storys

Panoramabild "Straßenkinder"

Jaqueline, Brasilien

Jaqueline ist eine selbstbewusste, gesprächige Zwölfjährige im brasilianischen Salvador da Bahía. Immer wieder lief sie von zu Hause weg und verbrachte ihre Tage auf den Straßen. Niemand verstand, warum sie sich herumtrieb. Ihre Mutter holte sie immer wieder nach Hause. Aber Jaqueline wurde aggressiv, brach die Schule ab und begann zu betteln und zu stehlen.

Manchmal tauchte das Mädchen in Unterkünften der Stiftung Cidade Mãe auf. Erst hier fanden Mitarbeiter heraus, dass Jaqueline nur einen Wunsch hatte: Sängerin zu werden. Sie vermittelten die Zwölfjährige an die Percussion-Band des Projekts Axé in Salvador. In diesem von UNICEF geförderten Projekt lernen Kinder, Wünsche und Ideen für die Zukunft zu entwickeln, die ihnen Halt geben. Jetzt ist Jaqueline Sängerin der Band. Sie lebt wieder zu Hause, geht zur Schule und ist froh, das Leben auf der Straße gegen neue Perspektiven eingetauscht zu haben.

Fukade (12) aus Äthiopien

Woreda 21, ein Slumviertel in Addis Abeba: In einem Gewirr einstöckiger Hütten mit Wellblechdächern liegt der sogenannte „Shelter“, ein Schutzraum, den Straßenkinder abends aufsuchen können. Hier müssen sie keine Angst vor der Polizei oder den Gangs der älteren Kids haben. Es gibt etwas zu essen und die Möglichkeit, sich zu waschen. Hier treffen sie Menschen, die in ihnen sehen, was sie sind: Kinder.

16 Jungen in zerlumpter Kleidung im Alter zwischen zehn und 14 Jahren sitzen im Innenraum. Sie wurden von Sozialarbeitern auf der Straße identifiziert. Die Streetworker boten ihnen an, nachts in den Shelter zu kommen. Keiner von ihnen hat noch Kontakt zu Eltern oder Verwandten. Der 12-jährige Fukade zum Beispiel: Er verdient sein Geld mühselig als Schuhputzer. Hinter seiner schüchternen Fassade ist die Härte spürbar, die sich Fukade auf der Straße zulegen musste, um zu überleben. Trotzdem erkennt er im Shelter die unbedingten Regeln an: „Ich weiß, hier muss ich mich anstrengen. Ich darf keine bösen Sachen machen. Ich darf anderen nichts klauen.“

Andreij, Bahnhofskind aus Moskau

Als Andreij fünf Jahre alt war, stieg er mit seinen Eltern in den Zug nach Moskau. Die Fahrt in die russische Metropole war ruhig, durch das gleichmäßige Rattern der Räder schlief der Junge ein. Als er aufwachte, gab es keine Ruhe mehr, nur geschäftiges Treiben um ihn herum. Menschen, die hektisch auf Bahnsteigen herumliefen. Viele Menschen. Er suchte in den Gesichtern nach seinen Eltern - vergebens.

Monatelang harrte Andreij am Moskauer Bahnhof aus, überzeugt davon, dass seine Eltern zurückkommen würden. Wenn jemand den Fünfjährigen von seinem Platz vertreiben wollte, wehrte er sich mit Händen und Füßen. Polizisten versorgten ihn mit Essen, damit er nicht verhungerte. Andreij wollte nicht akzeptieren, dass seine Mutter und sein Vater ihn einfach ausgesetzt hatten.

Schließlich rüttelte ein Straßenkind ihn wach: „Du brauchst nicht mehr zu warten. Deine Eltern werden dich niemals hier abholen.“ Erst da begriff der Junge seine Lage: Er stand auf der Straße. Heute lebt Andreij in einem Kinderheim. Über seine Eltern kann er noch immer nicht reden. Die Erinnerung schmerzt zu sehr.

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buchtipps

Sabrina Tophofen/Veronika Vattrodt: So lange bin ich vogelfrei: Mein Leben als Straßenkind (2010)
Mehr Infos hier

Jorge Amado: Herren des Strandes (2002)
Die Strassenkinder von Bahia führen in Banden organisiert einen Überlebenskampf. Amado berichtet vom Leben und den Sitten der Starßenkinder im nordöstlichen Brasilien.

Maria Armanda Capelao: Vavá, der Poet (2003)
Eine Straßenkindergeschichte, illustriert mit Fotos der nachgespielten Erzählung. Die Darsteller sind Kinder aus einer Favela in Brasilien.