
junior-reportage
„Ubuntu“ bedeutet Menschlichkeit
Eminem, Mädchenclubs und große Träume – eine Jugend in Südafrika
Ein Bericht von Junior-Reporterin Johanna Deuster

- LupeAisha (rechts) und ihre Freundinnen
"Eminem", sagt Aisha, wenn man sie fragt, wer ihr Vorbild ist. Diese Antwort habe ich nicht erwartet! Denn Aisha lebt in Südafrika. Sie ist 16 Jahre alt, besucht die 10. Klasse der Phefeni Senior Secondary School und wohnt in Soweto. Das ist ein Township in der Nähe von Johannesburg, der größten Stadt
Südafrikas. Townships sind Wohnsiedlungen für Schwarze, die während der Apartheid in Südafrika errichtet wurden. In Soweto stehen in manchen Vierteln Wellblechhütten dicht an dicht, andere Viertel erinnern eher an deutsche Kleinstädte. In Südafrika lebten 50 Jahre lang die schwarzen Menschen willkürlich abgetrennt von den weißen, weil die Weißen in der Politik mehr zu sagen hatten. Die Schwarzen durften zwar in die Stadt zum Arbeiten kommen, aber schlafen sollten sie außerhalb in den Townships. Arbeit und Wohnung waren für die Schwarzen nicht frei wählbar. Ein Gesetz, gemacht von den Weißen, legte fest, dass die Schwarzen nichts besitzen durften. Die Lebensbedingungen für die Schwarzen waren daher sehr schlecht. Aber sie kämpften dagegen an.
(Kopie 1)

- LupeJunior-Reporterin Johanna Deuster
Seit 1991 gibt es offiziell keine Apartheid mehr in Südafrika, denn alle Gesetze zur Rassentrennung wurden aufgehoben. 1994 konnten bei den Wahlen erstmals Schwarze und Weiße gleichberechtigt ihre Stimme abgeben. Es wurde ein schwarzer Präsident gewählt: Nelson Mandela. Die Phefeni-Schule, die Aisha besucht, ist insofern eine besondere, als Nelson Mandela dort zur Schule gegangen ist und auch in derselben Straße gewohnt hat. Jeden Tag kommen die Kinder am Mandela-Museum vorbei und werden an den Kämpfer gegen die Apartheid erinnert.
Auch Aisha ist sehr kämpferisch, sie wirkt sehr entschlossen: Was ihr wichtig ist, hat sie fest im Blick. Aisha und ihre Freunde wissen, dass sie in ihrem Leben nur mit Bildung etwas erreichen können. In ihrem Viertel ist es inzwischen Normalität, dass die Kinder und Jugendlichen regelmäßig die Schule besuchen.
Aisha mag am liebsten den Unterricht in Geschichte und Tourismus. Sie möchte später Reiseleiterin werden. „Ich möchte einmal in ferne Länder reisen wie Japan oder Deutschland“, sagt sie. „Und ich möchte Touristen mein Land zeigen. Es ist sehr schön.“
Auch der Englischunterricht ist für Aisha sehr bedeutsam. Früher, zur Zeit der Rassentrennung, durften die Schwarzen nicht viel Afrikaans und Englisch lernen. 1976 begannen an der Phefeni- Schule die Proteste gegen die Bildungsunterschiede zwischen Schwarzen und Weißen. Die Schule war ein Vorkämpfer für die Bürgerrechte. So begreift sie sich auch heute noch.
Aishas größte Rückenstütze ist der GEM-Club. GEM bedeutet „Girls Education Movement“, „Bewegung zur Bildung der Mädchen“. Nach dem Schulunterricht treffen sich hier die Kinder und Jugendlichen, auch die Jungen. Sie lernen, dass alle Menschen die gleichen Rechte haben. Und hier können sie über Themen sprechen, die ihnen wichtig sind: zum Beispiel der Kampf gegen die Ausbreitung von Aids und Gewalt. Johannesburg ist eine der gefährlichsten Städte der Welt.
Der Club ersetzt den Jugendlichen fast ein wenig die Familie. Oft können die Eltern keine Zeit für ihre Kinder aufbringen, weil sie mühsam Geld verdienen müssen: in Fabriken, als Gelegenheitsarbeiter, mit Hilfsarbeiten. Und die Wege zur Arbeit sind meist sehr lang. Die älteren Clubmitglieder organisieren daher zum Beispiel sportliche Veranstaltungen, damit die jüngeren nicht auf der Straße herumhängen. Aisha spielt sehr gern Basketball, für Fußball interessiert sie sich nicht so sehr. Trotzdem verfolgt sie die WM am Fernseher. Wenn man Aisha fragt, worauf sie stolz ist im Leben, dann sagt sie: „Auf meine Arbeit im GEMClub.“ Aisha möchte etwas verändern, für sich und für andere. „Ubuntu“ steht für sie über allem: Menschlichkeit und Menschenwürde. Um ihre Träume zu verwirklichen, will Aisha unbedingt einen Schulabschluss erreichen. Dafür arbeitet sie hart, das ist für sie im Moment das Wichtigste im Leben. Bestimmt erfüllt sich ihr Wunsch, und sie kommt einmal nach Deutschland. Haltet die Augen nach ihr offen!
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